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Thomas Achter |   Einführung in die Ausstellung ANIMALIA

Als Künstler über das Werk eines anderen Künstlers oder einer Künstlerin zu sprechen, birgt immer die Gefahr, dass die eigene Sichtweise den Blick vernebelt. Zum Glück kenne ich das Werk Käthe Bauers schon seit einigen Jahren und hoffe deshalb, der Aufgabe gerecht zu werden.

Käthe Bauer wurde 1977 in Schwäbisch Hall geboren und studierte von 1999 bis 2005 Malerei und Grafik an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig, wo sie mit Diplom und als Meisterschülerin abschloss.
Eine profunde Ausbildung also, de in ihren Werken auch zum Tragen kommt. Ebenso sichtbar ist bei Käthe Bauer aber auch eine ganz persönliche Handschrift, die Sie zielstrebig entwickelt hat und die außer von bildnerischen Qualitäten auch von Humor und einem kritisch wachen Geist geprägt ist.
Inzwischen hat sie ihr Atelier in Berlin, die Verbindung nach Hall ist aber nicht abgerissen. So zeigte sie ihre Bilder 2011 beim Hohenloher Kunstverein und zuletzt in einer Kabinettausstellung im Hällisch-Fränkischen Museum in Schwäbisch Hall.

Käthe Bauer hat den Titel ihrer Ausstellung „Animalia“ mit Bedacht gewählt. „Animalia“ lässt uns natürlich an Tiere denken, ans Animalische, aber auch an „Anima“, das Beseelte steckt in diesem Wort und verweist auf einen wesentlichen Grundgedanken in der Bilderwelt Käthe Bauers.
Es geht ihr immer um das Lebendige, das sich frei nach eigenem Gusto entwickeln kann, auch in unerwartete Richtungen oder unzuverlässig im besten Sinne des Wortes.
Für dieses Projekt menschliche (oder menschenähnliche) Protagonisten einzusetzen würde ihren Intensionen zuwiderlaufen. Dafür sind Menschen viel zu engstirnig, eingeschränkt durch Vorschriften jeder Art, programmiert auf Funktionen und Sinnbild für Grausamkeit und Fehlverhalten seit jeher. Nichts davon wird in diesen Bildern thematisiert, trotzdem wird einem irgendwann klar, dass der Mensch gemeint ist.

Von der Höhlenmalerei bis zu Franz Marc oder Joseph Beuys hat sich die Kunst intensiv mit dem Tier beschäftigt und immer geht es um die Nützlichkeit oder Wesensmerkmale der Tiere, um ihre Andersartigkeit, Fremdheit, um das Unbegreifliche, womöglich Göttliche oder Dämonische. Der Mensch denkt sich in das Tier, weist ihm Eigenschaften zu, die er vermutlich selbst gerne hätte, bewundert und fürchtet es, möchte sein Freund sein oder es gefügig machen.
Bei Käthe Bauer ist das alles anders. Da darf jedes beseelte Wesen ganz und gar Individuum sein und tun und lassen, was es möchte, auch mal wuchern wie eine Pflanze. Was da vor sich geht ist uns nicht ganz klar:

Ein Hase mit neuen Beinen bedeutet vielleicht, dass er schneller laufen möchte als mit vieren möglich wäre – oder aber auch, dass er vor lauter Beinen sich selbst im Wege steht… und schon sind wir wieder bei uns selbst. (Außerdem trägt der Hase ein Schuppenkleid und blickt durch ein Facettenauge – will er noch tauchen oder fliegen?).
Ein Hirsch, er in der freien Natur stolz, anmutig und kraftstrotzend auftritt, büßt bei Käthe Bauer sämtliche Attribute seiner königlichen Existenz ein und wird zur Projektionsfläche schillernder abstrakter Malerei, die eigentlich für sich stehen kann. Das verkümmerte Geweih am oberen Bildrand hat auch alles Bedrohliche eingebüßt. So begnügt er sich damit, uns Rätsel aufzugeben.
Ähnlich ergeht es dem Wolf, der auf viel zu langen, schlaffen Beinen daherkommt. Trotzdem zeigt er Eleganz und beherrscht sein Bildfläche; aber was er vorhat, bleibt uns verborgen.

Sie können auch Bilder entdecken, in denen Figuren zu abstrakten Gebilden werden. Sogar in den kleinformatigen Zeichnungen lassen die skizzenhaften Darsteller viel Raum für jedermanns eigene Bedeutungssuche.

Selbst wenn wir uns die seltsamen Wesen auf den ersten Blick verwirren, so reagieren wir auf sie durchaus positiv. Die Unbeholfenheit oder Hilflosigkeit, die manche von ihnen vermitteln, lässt uns vielleicht verstummen – aber auch lächeln.
Das liegt vor allem an der Unaufdringlichkeit, mit der die Malerei (und auch die Zeichnung) Käthe Bauers in Erscheinung tritt. Sie konzentriert sich ganz entschieden auf das Wesentliche. Die Figur steht im Zentrum des Bildes, wenn es nicht wirklich einen Grund gibt, sie anderswo zu platzieren. Auf Handlung wird verzichtet, denn es geht vielmehr um das Vorhandensein, mit der Betonung auf „sein“, abwartend, geduldig.
Die Figur benötigt auch keinen definierten Bildhintergrund, kein Mobiliar, der Bildraum lässt ihr Spielraum, sozusagen Luft zum Atmen. Konturlinien sind klar gezogen, nichts verschwimmt im Ungefähren. Dazu kommt der meist weiße Bildhintergrund, der die grafische Wirkung der Formen noch erhöht. Bei den großen Leinwandbildern entsteht dieser durch nachträgliche Übermalung, sodass sich auf der Binnenfläche das malerische Element auf faszinierende Weise entfalten kann: Leuchtende Farben, changierendes Dunkel, durchscheinende Strukturen und Muster verleihen den Darstellungen eine hautähnliche Oberfläche, deren haptische Eigenschaften dem Auge ganz ungewohnte Seherlebnisse bescheren.

All diese selbstbewussten Wesen strahlen eine Ruhe aus, die sich auf den Betrachter überträgt wie eine vertraute Berührung. Ihre Fremdartigkeit erzeugt keine Argwohn, sondern Erwartung.
Bei Käthe Bauer ist das ist das, was wir nicht gleich verstehen, ein Hinweis auf vergessene Möglichkeiten. Wir müssen unsere eigenen Antworten finden und das Rätselhafte, das Uneindeutige dieser Kunst lädt uns dazu ein. Das Verlässliche existiert nicht mehr. An seiner Stelle treten Offenheit, Phantasie und Freiheit – und zwar nicht nur für die Künstlerin. Sondern für uns alle.

Thomas Achter, Maler, Schwäbisch Hall

 

Annika Hirsekorn |   Einführung in den Katalog ANIMALIA

Namensgebend für diesen Katalog ist die gleichnamige Ausstellung in den Räumlichkeiten der Sparkasse Schwäbisch Hall – Crailsheim im September 2016: Animalia. Eine Ausstellung, die einen Einblick in das umfangreiche Schaffen einer jungen Künstlerin ermöglicht, die mit den hier gezeigten Werkgruppen eine widerständige, sehr eigenständige malerische Position vorweisen kann.

Käthe Bauer studierte zunächst an der Haller Akademie der Bildenden Künste und setzte ihr Studium in den Jahren von 1999 bis 2007 an der Hochschule für Graphik und Buchkunst in Leipzig fort. Als Meisterschülerin Sighard Gilles, ein Name eng verbunden mit der neuen Leipziger Schule, bezog sie ein Atelier außerhalb des Kunsthochschulgebäudes, wo sie sich einen Freiraum sicherte, der eine allzu starke Einflussnahme der Akademie auf ihr Werk verwehren sollte. Hier entwickelte sie die Grundlagen für eine eigene Bild- und Formensprache.

Eine erste, wenn auch vage Lesehilfe beim Betrachten ihrer Bildwelten liefert der Titel der Ausstellung: Animalia. Abgeleitet vom Lateinischen bedeutet Animus Seele und Animalia steht als Ordnungsbegriff für das Reich der (beseelten) Natur. Eine vage Lesehilfe – stellt sich beim genauen Betrachten doch die Frage, ob es tatsächlich ein Hirsch ist, der hier über die Titelseite röhrt, so wie es der Bildtitel suggeriert?

Suggestion. In einem möglichst unverstellten, intuitiven Malakt schält Käthe Bauer aus den Schichten zahlreicher Übermalungen ihrer Leinwände erste Formen heraus. Dem intendierten Zufall wird Raum gegeben Formen hervorzubringen, die wieder übermalt oder verdeutlicht werden und so (Fantasie-)Tiere, Pflanzenmaterial, Mikrobisches – einen ganzen Kosmos von Formen und Figurationen – die uns zunächst einmal vor allem an Natur erinnern, herauszubilden.

Diese Arbeitsweise, inspiriert von der Art Brut oder der sogenannten Outsider Art hat auch etwas Hochpolitisches: das unser Denken bestimmende, dualistische System aufzubrechen. Den vermeintlichen Widerspruch aufzuheben von Gegensätzen wie schön und hässlich, naiv oder intellektuell, Traum und Tat – und somit schon besagte Ordnungsbegriffe zu überwinden. Käthe Bauers Malerei ist ein Versuch die Reflexion im experimentellen Malprozess bewusst auszuschließen, die Betonung von Körper und Material.

Somit bleiben die Bilder der Künstlerin schlicht und unaufgeregt, hier wird nicht der Versuch unternommen sich dem Betrachter aufzudrängen. Die Bildschichten müssen erspürt werden, die Verbindungen zwischen den Figurationen des Formenvokabulars der Künstlerin verknüpft werden, um zu erahnen was der Zufall und die Künstlerin hier im Schilde führen. Röhrender Hirsch oder Torsi und Blatt? Eine milchig-transparente pustelnde Haut spannt sich über den fast zu Rinde gewordenen Baumpilz?

Der Bildraum spielt zumeist keine Rolle, die Figurationen Käthe Bauers verdichten sich in sich selbst, hier wird auch nicht versucht Geschichten zu erzählen.

Können wir den Anflug von Ironie in den Leinwänden erahnen, spüren wir die Leichtigkeit mit der sich die Künstlerin auf das Spiel mit den Assoziationen einzulassen vermag, so wird dies umso deutlicher in den Zeichnungen, Aquarellen und Gouachen. Die Dynamik des Zufalls ist hier einem Seismografen gleich, wohl am besten mit der Idee der l‘écriture automatique zu beschrieben. Und doch, mit überzeugender Selbstsicherheit und reduzierender Gelassenheit wird diesen kleinen Papierarbeiten nicht ohne Humor eine Figurenwelt entlockt, die gegenständlicher, zugänglicher, aber deswegen nicht weniger spannend ist, als die Leinwände der Künstlerin.

Mit einem Blick auf ihre Skulpturen finden wir das scheinbar unerschöpfliche Formenvokabular der Künstlerin verkörperlicht. Hier verdichten sich die endlosen Schichten, die sie aus der Leinwand herausarbeitet und treten uns selbstbewusst gegenüber, wenngleich das Werk Käthe Bauers zunächst noch immer vornehmlich ein malerisches ist.

Sich dieser Bildsprache anzunehmen, die Klaviatur des Zufalls gepaart mit einer eindrucksvollen malerischen Haltung, fordert das Werk Käthe Bauers heraus.

Annika Hirsekorn, Kunsthistorikerin und Kuratorin, Berlin

 

Claudia Scheller-Schach   |   Einführung in die Ausstellung ZEICHNUNG UND MALEREI

Käthe Bauer war nach dem Abitur in Schwäbisch Hall, wo sie 1977 geboren wurde, zunächst an der Haller Akademie der Künste; hat dann an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig Malerei und Grafik bei Prof. Sighard Gille studiert und mit Diplom abgeschlossen. Ein Meisterschülerstudium bei Gille schloss sich an. Wer ein bisschen die Kunstszene und die Trends des Kunstmarkts beobachtet, wird in Bezug auf „Malerei“ und „Leipzig“ aufhorchen: die sogenannte Leipziger Schule war zu DDR-Zeiten ein hochrenommierter Begriff für die zeitgenössische Umsetzung eines klassischen, oft totgesagten Mediums; in Anlehnung daran werden nach der Wende die in Leipzig lehrenden oder ausgebildeten Künstler als „Neue Leipziger Schule“ bezeichnet. Gemeinsamer Nenner der Szene-Stars wie Neo Rauch – um den prominentesten (und teuersten) Vertreter zu nennen – sind realistische bis surrealistische Tendenzen. Als Alternative zur eher abgehobenen Konzept- und Medienkunst boomt diese Ausrichtung regelrecht beim Publikum, vor allem auch außerhalb Deutschlands.

Sich vor diesem Hintergrund eigenständig zu entwickeln und eine eigene Position zu beziehen ist eine Herausforderung, der sich Käthe Bauer seit einigen Jahren stellt. Selber umschreibt sie das Malen als möglichst spontanen und direkten Vorgang, um der Fantasie Form zu geben, um eine „Welt neu zu erschaffen“. Was jetzt so hochtrabend klingt ist in der Tat ein schwieriges Unterfangen: um einen „eigenen bildnerischen Kosmos der Farben und Formen“ zu schaffen, ist es erforderlich, klassische Ordnungsprinzipien zu überwinden.

Was meine ich mit „klassischen Ordnungsprinzipien“? Diese liegen dem Bildschaffen aller Künstler zugrunde bzw. werden auch vom Betrachter unbewusst als Lesehilfe herangezogen. Z.B. die Entscheidung ob gegenständlich/figürlich oder abstrakt gearbeitet wird. Dann die Frage, wie Raum auf der Bildfläche definiert wird – dazu gehören Regeln der Perspektive, auch wie körperlich etwas dargestellt wird, also welchen Raum es einnimmt, wie es „agiert“ – passiv, aktiv, dynamisch oder eher statisch und somit dem Bildgefüge einen bestimmten Charakter verleiht.

Die Bilder von Käthe Bauer halten eine interessante Balance zwischen figurativer Anmutung und einem eher vagen Bezug zur Wirklichkeit. Wir können auf den ersten Blick Motive ausmachen, aber von Abbildlichkeit kann keine Rede sein. Allein bei den Gemälden können Sie schon den Charakter ihrer Malerei wahrnehmen: Formen werden umschrieben, nehmen eindeutig als Motiv eine Position innerhalb der Bildfläche ein. Die Körperlichkeit der Motive und die Bildfläche wiederum sind gerade so vage gestaltet, dass das Ordnungsprinzip „Raum“ vorhanden ist, aber nicht mehr akademisch-klassisch-traditionell behandelt wird, eher zitiert wird und so der Künstlerin eine spannende Gratwanderung gelingt. Die Gratwanderung besteht darin, dass bekannte Formen verfremdet werden, so dass wir als Betrachter gerade noch assoziativen Spielraum haben und doch schon die „Parallelwelt“ aufscheinen sehen. Über einen sehr sensiblen Umgang mit Farbe und Malmaterial – feine Differenzierungen eines Farbtons, Schichtenbildung und haptische, also nicht ganz glatte Maloberfläche – gelingt es den Bildern, zugleich als „dekorativ“ wahrgenommen zu werden UND als ästhetisch-intellektuelle Herausforderung.

Zurück zum „assoziativen Spielraum“ – was lässt sich denn assoziieren? Das liegt doch im Auge des Betrachters, wird sich jeweils nur individuell bestimmen lassen – werden Sie jetzt einwenden. Ja, aber in einer Rede zur Eröffnung kann man ja versuchen, verbal, also über Begriffe eine Seh-Hilfe zu artikulieren: Meines Erachtens sind gerade auch die Zeichnungen deshalb so „anziehend“, weil sie vital sind und diese Vitalität erzielen sie dadurch, dass die Gebilde entweder organische Formen aufweisen oder sogar menschliche oder tierische Gestalt annehmen. Sie vermitteln, obwohl sie so reduziert sind, doch eigene Befindlichkeiten.

Etlichen Blättern gemeinsam ist das Thema „Gleichgewicht“: die Künstlerin siedelt ihre „Gestalten“ auf einem „Boden“ ( eine „Horizontlinie“ genügt dafür) an oder sie lässt sie balancieren oder gar schweben. Ihre „Unvollkommenheit“ macht sie sympathisch: verknappt zu torsi-artigen Figuren, zu zeichenhaften Körperfragmenten können sie als Metaphern gelesen werden für das Fragile unserer Existenz – oder aber „nur“ als Möglichkeit, der malenden, zeichnenden Hand Freiraum zu geben – gleichsam ein Gleichgewicht zu finden zwischen Intuition und Intellekt…zwischen Emotion und Konstruktion.

Ein weiteres Thema bzw. eine übergreifende Gestaltungsweise ist mehrfach auszumachen: übergreifend im wahrsten Sinne des Wortes, denn ich spiele an auf untereinander verbundene Formen. Da sind einmal surreal anmutende Kombinationen von etwa organischen Elementen mit „Attributen“ der Dingwelt – z.B. sehe ich manchmal „Kopfbedeckungen“, ohne dass ich sie als Hüte bezeichnen möchte oder „Gewänder“, die aber keine Kleidung sind. Andere Liniengebilde, die in sich formal geschlossen sind, werden durch eine Linie im Bild verbunden – nehmen sich „an die Leine“ oder sind durch eine Leitung verbunden: Austausch ist möglich, Befruchtung, Energiefluss…

Mit der Aneinanderreihung von Begriffen möchte ich zum Ausdruck bringen, dass die Bilder von Käthe Bauer Ansätze der Interpretation ermöglichen, aber doch gerade noch so offen gehalten sind, dass man eben nicht „einen Knopf“ dranmachen kann. Das Interesse der Künstlerin kommt der Quadratur des Kreises nahe: keine unmittelbare Erinnerung an die umgebende Realität oder die Visualisierung einer Idee soll den Bildern zugrunde liegen – wie, so fragt man sich, kann aber dann eine Zeichnung, ein Gemälde entstehen? Vielleicht in der Konzentration auf den körperlichen Akt und die Malhandlung, wobei Spontanität und Zufall am Anfang eines Prozesses stehen – v.a. beim Malen. Beim Zeichnen ist es ein seismografisches Erfassen, „automatisch“ sollen die Linien fließen und werden schließlich doch zu einem Netzwerk: im einzelnen Bild und im Gesamtwerk ist ein solches zu bemerken.

So ermöglicht die Ausstellung hier trotz der sehr knappen Bildsprache uns eine besondere Seh-Erfahrung: die Herausforderung, der sich die Künstlerin stellt, die sich selber aufbürdet, nämlich, dass Bilder assoziativ entstehen sollen, dürfen auch wir als Betrachter als Aufgabe auffassen: lassen wir unsere ästhetischen Erfahrungen zu – ausschalten können wir sie ja doch nicht – aber wir sollten auch das intuitive Sehen wieder üben.

Ich wünsche Ihnen bei dieser Übung viel Spaß!

Claudia Scheller-Schach MA, Kunsthistorikerin, Künzelsau 

 

Thomas Achter   |   Einführung in die Ausstellung SCHWEBE

Es ist nicht einfach, etwas über Bilder auszusagen, die sich so sehr zu verbergen suchen wie diejenigen von Käthe Bauer

Der Glaube, man hätte etwas erkannt, weicht recht bald der Erkenntnis, dass man mit der ersten Einschätzung danebenlag und sich gar nicht mehr sicher sein kann, was man da eigentlich sieht. Ein kleiner Vogel zischt durchs Bild und man stellt fest, der ist gar nicht das eigentliche Motiv, vielmehr geht es um den Raum, den dieser Vogel durchquert. Eine kreisförmige Wurzel ohne Anfang und Ende schwebt durch eine  milchigen Grund – oder sind es zwei ineinander verbissene Lurche? Man begibt sich auf eine Forschungsreise und schon haben einen diese Bilder gefangen genommen.

Käthe Bauer wurde 1977 in Schwäbisch Hall geboren und studierte von 1999-2007 Malerei und Grafik an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig, zuletzt als Meisterschülerin bei Prof. Sighard Gille. Zweifellos eine sehr gute Adresse, um wirklich etwas zu lernen, zumal wenn man wie Käthe Bauer fähig ist, dem grell-bunten, amoklaufenden Realismus des Lehrers den Einfluss auf das eigene Werk zu verwehren.

Der Titel der Ausstellung – Schwebe – hätte nicht besser gewählt sein können. Zum einen denkt man natürlich sofort an die im Bild schwebenden Formen, zum anderen an die in der Schwebe gehaltenen Bedeutungen. Verbindet man mit „Schwebe“ den Verlust der Schwerkraft oder Bodenhaftung, wird daraus schnell eine Allegorie auf das künstlerische Leben überhaupt. Eine Existenz in der Schwebe, stets auf der Suche und unvollendet, unsicher aber nichtsdestoweniger notwendig. Wäre die Welt perfekt, bräuchten wir keine Kunst.

Verfolgt man die Arbeiten Käthe Bauers der letzten Jahre, erkennt man sofort, dass sie ihren Weg gegangen ist. Sie weiss, worauf es ankommt. Die Beherrschung der Technik ist zwar die Voraussetzung, aber zu viel Konzentration auf das Äußere blockiert die nötige Unbefangenheit und Risikobereitschaft. Man analysiert, anstatt dem inneren Schaffensdrang, der unabdingbar ist, nachzugeben. Darf man heutzutage noch dies, hat jenes nicht schon ein anderer vorgemacht, geht es nicht eher um den gesellschaftlichen Impuls. Ist die Arbeit mit Pinsel und Leinwand überhaupt noch zeitgemäß – Fragen, die einem die Kunst vergällen können, weil sie suggerieren, Kunst sei eine intellektuelle Angelegenheit. Mitnichten.

Die hier präsentierten Arbeiten zeugen von großem Erfindungsreichtum und ausgeprägtem Farbgefühl. Wer bei der Betrachtung von Bildern vor allem Erkennbares sucht, wird zunächst auch hier nicht enttäuscht. Die dargebotenen Formen lassen Gegenständliches, meist Tierhaftes assoziieren, man fühlt sich erinnert an Zellkerne und Weichtiere, Schneckenhäuser oder Mikroorganismen, an Hörner, Schuppen oder Stacheln, Blätter und Torsi. Doch unser vermeintliches Erkennen müssen wir sehr bald in Zweifel ziehen, denn nichts ist wirklich offensichtlich, nichts läßt sich mit unseren Begriffen zuordnen. Trotzdem denkt man an Wachstum und Natur. Das liegt zum Teil an der sehr spontanen Herangehensweise der Künstlerin. Der Malvorgang entwickelt sich zunächst aus dem direkten Zugriff, der auch den Zufall mit einschließt, welcher in diesem Fall nichts anderes ist als eine Äußerung des Unbewußten. Das in großer Freiheit Angelegte wird gesichert und weitergeführt, das heißt, gelungene Partien werden hervorgehoben, anderes wieder übermalt und in Hintergrund verwandelt, wesentliche Formen erhalten so ihr Gewicht.

Die akkurate Ausarbeitung schließt die Vermutung aus, es könnte sich bei den Figuren um Produkte der Willkür handeln. Sie entspringen vielmehr der Intuition der Künstlerin und werden mit den Mitteln der Malerei zu glaubwürdigen Protagonisten ihrer Phantasie. Sehr wichtig erscheint mir dabei auch die Farbgebung, die mit wenigen, fein differenzierten Tönen auskommt, die eine unterschwellige Atmosphäre erzeugen, im doppelten Wortsinn: Luftschicht und Stimmung zugleich.

Der sichtbare Malakt, die Spuren der Arbeit sind Ausdruck der Veränderbarkeit; auch fest umrissene Gebilde bleiben so offen und entwicklungsfähig. Genau das macht die Bilder so lebendig im Sinne von „mit dem Leben verbunden“, sie erstarren nicht in einer Momentaufnahme, sondern lassen uns Zeit spüren.

Der Einsatz der Mittel entspricht immer den Erfordernissen, es gibt keine Übertreibungen, keine unnötigen Ausschmückungen, sie kokettiert nicht mit handwerklichen Rafinessen. Alles unterliegt dem Notwendigen. Besonders deutlich zeigt sich das an den Zeichnungen, die mit großer Entschiedenheit aufs Papier gebracht werden und doch ganz leichtfüßig daherkommen. Eine einfache Geste entfacht hier monumentale Wirkung, ohne sich aufzudrängen.

Für Käthe Bauer sind die Offenheit der Bedeutung und die Andeutung des Fragilen unserer Existenz primäre Ziele ihrer Arbeit. Sie hat unglaublich rasch zu einer tragfähigen Bildsprache gefunden, die nicht zuletzt auch Elemente von Humor und Schönheit aufweist. Ihr Werk vermittelt uns, dass wir uns nicht zu sehr auf unsere Erfahrungen verlassen sollten, dass hinter dem ersten Anschein immer das Unbekannte lauern kann und sich nicht alles unserem Zugriff überlässt. Dies zu akzeptieren fällt uns leicht, weil ihre Bilder dadurch nichts von der Faszination einbüßen, im Gegenteil, sie bleiben eine Quelle der Inspiration und der Möglichkeiten.

Auszug aus der Einführung in die Gruppenausstellung PAARWEISE

In Käthe Bauers Bildern erscheint meist eine zentrale Figur, als solche erkennbar, aber selten zu deuten. Das Unbestimmte dieser imaginären Gestalten läßt scheinbar Platz für Interpretation, trotzdem findet sich keine schlüssige Erklärung, und zwangsläufig erkennt man die Grenzen der eigenen Wahrnehmung. Für Käthe Bauers Bilder genügt nicht das Wiedererkennen, es braucht Offenheit, um sie für sich zu entdecken. Ihre klare Bildsprache und die differenzierte Farbgebung erleichtern den Zugang, der stilsichere Umgang mit ihren künstlerischen Ausdrucksmitteln erschließt wie nebenbei und selbstverständlich ihre ganz eigene Welt.

Thomas Achter, Maler, Schwäbisch Hall